Das Graue Männchen

In den alten Fluren, Gängen und Räumen der Burg Hohensolms soll der Geist eines Mannes umgehen: Das „Graues Männchen“. Wer dieser Mann im wahren Leben war, wie er hieß und wann er gelebt hat, ist nicht überliefert. Man erzählt sich aber, dass er ein Angestellter des Grafen gewesen sei, der sich um die herrschaftlichen Finanzen kümmerte.

Eines Tages fertigte dieser brave Mann eine Aufstellung für den Grafen an, vielleicht eine Rechnung, eine Bilanz oder was immer es auch gewesen sein mag. Als er sie fertiggestellt hatte, übergab er sie seinem Herrn. Dieser rechnete die Aufstellung nach. Hierbei kam er auf eine Differenz von drei Pfennigen. Ein Betrag, der in jener Zeit zwar viel mehr wert war als heute, doch schon damals nicht die Welt bedeutete.
Als der Graf seinen Buchhalter auf die Unregelmäßigkeit ansprach, muss sich der sensible Mann dies sehr zu Herzen genommen haben. Er, der nie einen Fehler machte, konnte es nicht verwinden, eine unkorrekte Arbeit abgeliefert zu haben. In einem Raum des Obergeschosses gleich neben dem Schwarzen Gemach, erhängte er sich bald darauf.
Sein Herr war vom Tode seines Mitarbeiters tief betroffen. Er rechnete daraufhin die Aufstellung nochmals nach. Dabei stellte der Graf fest, dass er selbst es war, der sich verrechnet hatte. Um eben diese läppischen drei Pfennige, die mitunter sehr große Auswirkungen haben können, hatte er sich geirrt. Somit war er verantwortlich für den Tod seines treuen Schreibers. Dessen Geist streift seitdem ruhelos durch die Räume der Burg, um seinen angeblichen Fehler zu suchen. Da es aber gar keinen Fehler gab, kann er ihn auch nicht finden. So muss er bis in alle Ewigkeit weitersuchen.

Die Mitglieder des Solmser Geschlechts sind bis auf den heutigen Tag überzeugt, dass dieser Geist für sie ein besonderer Bote ist: Ab und zu erschien einem Fürsten oder einer Fürstin ein kleiner grauer Mann. Niemand anderes konnte ihn sehen. Und jedes Mal starb die Person, die die Erscheinung gehabt hatte, kurze Zeit später. In dem Spiegel, der noch heute im Krummen Gang der Burg hängt, soll sich besonders häufig das graue Gesicht des Geistes zeigen. Von einem Fürsten wird erzählt, er habe das graue Männchen im Spiegel erblickt. Darauf nahm er sein Gewehr und schoss in den Spiegel. Genutzt hat ihm das nichts. Kurze Zeit später ist er trotzdem gestorben.

In dem Raum in dem sich der treue Buchhalter aufgehängt haben soll, befand sich später ein Zimmer für Gruppenleiter. In diesem Raum ist die Tür so schief eingebaut, dass sie immer wieder von selbst ins Schloss fällt. Wenn man nun aber über das Graue Männchen spricht, so soll die Tür sich manchmal von alleine öffnen ein Phänomen, das man sich aber auch von anderen Räumen der Burg erzählt.

Quelle:

  • Timo Zimmermann, Hohensolms – Tal, Stadt, Gemeinde und Ortsteil. Ein mittelhessisches Dorf im Wandel der Jahrhunderte, Hohensolms 2000