Sommer 1933 auf Burg HohensolmsErinnerungen von Elli Kaiser

Elli Kaiser (geb. 1911) war im Sommerhalbjahr 1933 als Lehrerin für Handarbeit, Sport und Singen an der Heimvolkshoch-schule Hohensolms. Sie stammt aus Darmstadt. Dort hatte sie 1932 ihre Ausbildung als technische Lehrerin mit dem staatlichen Examen abgeschlossen. Nach der Zeit in Hohensolms übernahm sie zunächst kirchliche und diakonische Aufgaben in Darmstadt. 1938/39 trat sie in den staatlichen Schuldienst ein. Nach dem Krieg war sie viele Jahre lang in Erbach/Odw. tätig. Dort ist sie auch seit der Pensionierung geblieben. In Erbach hat sie über lange Zeit den Singkreis der evangelischen Gemeinde geleitet. Mit dem Chor war sie wiederholt zu Freizeiten in Hohensolms.
Auf die Frage nach Erinnerungen an ihre Tätigkeit auf der Burg antwortete sie spontan: “ Es war nur eine kurze Zeit, aber es war die schönste Zeit meines Lebens“.

Frau Kaiser hat folgenden Bericht über den Sommer 1933 geschrieben:

Was war das Besondere an dieser Zeit, diesem Aufenthalt in Hohensolms, der nur ein halbes Jahr dauerte und dessen Spur bis heute, 1991, nicht verwischt ist? Freundschaften für ein ganzes Leben entstanden und haben sich bewährt trotz der Turbulenzen, die unsere Generation durchstehen musste.

Damals war die Burg eine Insel, und es war ein Geschenk, dort unter Gleichgesinnten zu leben. Wir waren jung, arbeiteten mit-, nicht gegeneinander und waren glücklich. Geld war Mangelware, aber das störte uns nicht.

Am 1 .April fing mein Dienst auf der Burg an - mit etwas Herzklopfen, denn die zu erwartenden Schülerinnen waren zum Teil so alt wie ich. Aber Professor Cordier beruhigte mich: So sei es ja gewollt.

Dann stand ich unten im Dorf an der Bushaltestelle, um einen Teil der Mädchen abzuholen. Unter anderen stieg eine Dame mit Schleierhütchen, geschminkt, gepudert, mit gebleichtem Haar aus dem Bus - auch eine Schülerin. Mir sank das Herz. Doch es stellte sich bald heraus: Sie war ein ganz liebes Mädchen aus der Großstadt Essen. Mit und unter den Schülerinnen gab es eine gute Harmonie, ob wir im Schulzimmer arbeiteten, oder mit dem „Singenden Quell“ in den Hintergarten zogen, oder am Morgen im Dauerlauf zur Altenburg sprinteten, zum Frühstück wieder pünktlich zur Stelle. Der fehlende Altersunterschied wirkte sich wirklich positiv aus.

Die Atmosphäre in der Burg wurde wohl zum größten Teil von der Burgfamilie geprägt (Linda, Ottilie, Michel, Rudi, Julchen, Leni und ich). Die gemeinsamen Morgen- und Abendfeiern, der Kreis im Rittersaal, die Worte der Andacht, Gebet und gemeinsames Singen haben sicher viel dazu beigetragen, dass alles so harmonisch war.

Die Erinnerungen sind vielfältig. Manchmal denke ich, es habe immer die Sonne geschienen. Doch das kann nicht stimmen: wie hätten wir sonst das Gewitter bei der Lektüre des Faust erleben kön-nen?

Am ersten Abend meines Burgaufenthalts stand ich am offenen Fenster und staunte. Eine solche Stille hatte das Stadtkind noch nie „gehört“. Auch die Bäume auf dem Hals müssen ganz ruhig gestanden haben. Sie hatten wohl ihr Laub noch nicht.

Wie oft sind wir am Abend noch schnell über den Hals gelaufen. Dann waren die Bäume aber nicht still; oder am Samstag in die Wiesen, um den Rittersaal zum Sonntag mit unseren bunten Sträußen zu schmücken.

Alles wurde zum Fest. Sogar die Fahrt mit der Wäsche zur Bleiche oder das Bohnern im Rittersaal. Heute kann ich es ja gestehen: Manche Reise unternahm ich auf dem "Blocker", der von Julchen oder Rudi durch den Rittersaal gezogen wurde. Ich war leicht, und der Boden glänzte dann viel schneller. Ottilie durfte das natürlich nicht sehen.

Der 1. Mai im Jahre 1933: Hakenkreuzfahnen waren angeordnet worden. Ich hatte eine genäht. Die war auf der Rückseite einfach rot. Als wir sie aushängten, sagte Michel neben mir: „Kaiserin, wenn sich die Fahne umdreht, bist du dran“. Sie hing aber brav über dem Eingang und zeigte nur die Vorderseite.
Den Schülerinnen muss aber doch die Haltung der Burggemeinde gegen den Zeitgeist aufgegangen sein. Eine von ihnen schrieb in einem Brief nach Hause: „Der ganze Dozentenstab ist marxistisch verseucht“. Sie hatte wohl noch nicht erkannt, dass es ein anderer Geist war, der unser Leben bestimmte. Vielleicht hatte sie am Ende des Kurses eine Ahnung davon?

Die Gespräche beim zweiten Frühstück (Mahlzeit ohne die Schülerinnen) sind bis heute im Gedächtnis. Rudolf Michael berichtete oft aus der Geschichte über Zusammenhänge, über die wir Laien staunten, und wenn hie und da ein Gast in die Runde kam, prallten die Meinungen recht lebhaft aufeinander. Das war am runden Tisch im Bismarckzimmer. Dort hing an den Wänden noch ein Teil der Solmser Ahnenbilder. Einige der Damen waren mit weit ausgeschnittenem Dekolleté dargestellt. Einerder Söhne Kammer soll sich dazu geäußert haben, „ob die wohl baden gehen wollten?“

Das Singen spielte in diesem Sommer 33 eine ganz wichtige Rolle. Julchen, Rudi und ich nutzten unsre freie Zeit meistens, um zusammen zu singen -dreistimmig, und manchmal gesellte sich auch Michel noch dazu. Unvergessen ist ein Abend im Hintergarten mit dem Claudiuslied: „Der Mond ist aufgegangen …“ im vierstimmigen Satz. Wenn ich mich recht erinnere, war an diesem Abend auch Johannes Gründler mit Frau und Sohn beim Singen dabei.

Eines Tages stand in der Zeitung: In Gießen wird die Neunte Symphonie aufgeführt. Julchen war mit mir Feuer und Flamme: „Das lassen wir uns nicht entgehen“. Nach Gießen zu kommen war kein Problem. Da fuhr ja das Bieberlieschen. Aber wie heim zur Burg bei Nacht? Die Mädchen waren begeistert, auf diese Weise zu einer Nachtwanderung zu kommen: Sie holten uns auf halbem Weg ab.

An Samstagen hatten wir oft das Abendessen im Burghof: Kakao und Butterbrötchen. Allerdings durfte ich nicht mehr zum Streichen der Brötchen in die Küche. Ottilie: „Du schmierst die Butter zu dick“. Leni und Julchen konnten das wohl besser. Aber vor dem Schlafengehen fanden Julchen und ich im Brotkasten immer noch zwei Butterschnitten, von denen Ottilie behauptete, sie seien übrig geblieben. Doch wieso immer gerade zwei?

Da war die Kleiderpuppe, die wir auf dem Speicher fanden, anzogen und Michel ins Bett legten. Ob er sich dann rächte, als ich mir bei einem zu schnellen Lauf den Kopf an einem Balken anrannte und die bunte Beule an der Stirn ihn mitleidlos das Lied anstimmen ließ: „Ich schell mein Horn im Jammerston“?

Rudi als Geldverwalter in der Kanzlei sollte mir für einen Einkauf Geld geben. Natürlich weigerte er sich. Meine Drohung: „Ich bleibe bis ich´s habe, und wenn ich hier einschlafe und schnarche“ ließ ihn kalt: „Dann schnarche ich die zweite Stimme dazu“. Den Mammon bekam ich aber doch. Er hatte sicher Furcht, in der Küche würde nun ohne Salz gekocht.
Diese Erinnerungen sind nur Farbtupfer und ganz persönliche Erlebnisse. Aber sie zeigen vielleicht etwas davon, wie unser Zusammenleben von einem Geist geprägt war, der alles andere als mit „eng“ bezeichnet werden kann. Ich wurde später in Darmstadt einmal daraufhin angesprochen und konnte nur antworten, wie offen und klar die Menschen auf der Burg miteinander umgingen und redeten, wie lebendig und fröhlich unser Zusammenleben war, trotz des Ernstes der Zeit, mit dem wir allerdings auch konfrontiert waren.

Es gab ja auch manchmal Kummer, der verwunden werden musste. Wie könnte es bei jungen Menschen anders sein. Aber das gemeinsame Singen, das gegenseitige Vertrauen, alles das wirkte sich aus. Es ist etwas „zwischen den Zeilen“, das man nicht so klar in Worte fassen kann. Und ganz wichtig in diesem Zusammenhang die weiträumige Burg selbst, der Rittersaal, der Ort unserer Burgfeste, der Morgen- und Abendfeiern - wer von uns war denn solch großzügige Räume gewöhnt? Alle empfanden das sicher, vielleicht auch nur unbewusst. Die Burg gab uns das Gefühl der Geborgenheit, nicht nur im äußeren Sinn.

 

Quelle: Hohensolmser Brief – Mitteilungen des Freundeskreises der Ev. Jugendburg, Ausgabe 2/ Juli 1991