Das WasserfestGedicht von Auguste Genähr

Der Winter 1939/1940 war ein besonders kalter Winter. Dies hatte zur Folge, dass es es in der Burg ab Mitte Januar für zehn Wochen kein Wasser mehr gab. Es musste nun mühsam Eimer für Eimer vom Gutshof in die Burg getragen werden, was keine einfache Aufgabe war, da die Wege vereist waren.

An einem Tag im Januar,
wo's bitterkalt und eisig war,
kam unser Haus am frühen Morgen
in Kümmernis und schwere Sorgen:
Das Wasser ist uns eingefroren!
O weh! Sind wir nun ganz verloren?
„Ach nein“ - mit guter Zuversicht
die Hausmutter gleich zu uns spricht -
„Das Wasser müssen wir jetzt holen!“
Und eh noch etwas ist befohlen,
steht schon Frau Doffing - welche Freud! -
mit Joch und Eimer hilfsbereit.
Sie steigt hinunter, trägt herauf
in nimmermüdem Tageslauf
und schafft herzu des Himmels Segen,
trotz Schnee und Eise, trotz Sturm und Regen.

So stellten Glück und Wohlbehagen
sich wieder ein in jenen Tagen.
Und ob es weiter friert und schneit:
Frau Doffing sorgte allezeit
fürs ganze Haus, für liebe Gäste,
für stille Tage, frohe Feste.

Doch - es war Ende Februar,
als abermals in diesem Jahr
ein Wort die Harmonie zerrissen:
„Frau Doffing ward ins Bein gebissen!"
Und bange geht's von Mund zu Mund:
„O dieser unglückselige Hund!"
Drauf hat der Doktor dies gesprochen:
„Frau Doffing muss nun manche Wochen
ganz still in ihrem Bette liegen.“
Wie aber nun das Wasser kriegen?

Doch nimmer ruht die Weltgeschichte.
So kam auch dieses zu Gesichte,
dass uns steht gar ein Mann bereit,
zu dienen in der Not der Zeit.
Auch setzte Frühlingshoffnung ein
und bald, ja bald wird's wärmer sein!
Will's auch dem März noch nicht gelingen,
des Eises Fesseln zu bezwingen,
so braust doch endlich im April
der Quell hervor, mit einer Füll,
dass jedes Herz voll Freude springt
und ein „Gott Lob“ zum Himmel dringt.

Und abermals ein Wasser – tief
schreckhaft nach unserm Herzen griff.
War's gar der böse Wassermann,
der unsre Hedwig wollte han?

Nein! Unsre gute Lilofee
sitzt heut vergnügt mit beim Kaffee,
zu feiern unser Wasserfest,
das dankbar uns nun rühmen lässt:
„Der Herr hat alles wohl bedacht
und alles, alles recht gemacht -
Gebt unserm Gott die Ehre!“


28. April 1940